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Doktor Vogl warnt | ||||||
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Sehr geehrte Leser,
Wer, wie ich, vor dem Kapitalismus und seinen verheerenden Auswirkungen warnt,
der darf von der Revolution nicht schweigen. Die läßt nun leider
auf sich warten, auch wenn ich so manchen Morgen aufstehe und zu meiner Frau
sage, heut pack mas, Spatzl, etwas ist faul im Staate Dänemark und die
Zeit ist reif. Sie antwortet dann nur, vergiss die Brotzeit nicht. Die Zeit
ist eben nicht reif. Sie ist solange nicht reif, wie es keine revolutionäre
Masse gibt. Ich habe kürzlich den Grund entdeckt, weshalb es kein Proletariat
mehr gibt. Die Unterdrückten, oder, wie man heute sagt, prekär Beschäftigten,
gehören vielen verschiedenen Milieus an. Sie sprechen deshalb nicht die
gleiche Sprache, suchen nicht die gleichen Orte auf und teilen nicht die gleichen
Ansichten, außer vielleicht der ganz allgemeinen Einschätzung, dass
alles immer schlechter und teurer wird. Das ist der Stand. Sie werden mir beipflichten:
Dabei kann es nicht bleiben. Deshalb heute ein paar revolutionspraktische Anregungen
nebst Warnungen vor konterrevolutionärem Verhalten.
Die Milieugrenzen müssen weg. Ich habe bereits meinen Teil zu ihrer Demontage beigetragen, werde auch gleich verraten, wie das geht, und warne davor, diesem Beispiel nicht zu folgen. Wenn später dann zum ersten Mal eine ernstgemeinte Revolution in dieser Nation ihren siegreichen Verlauf genommen haben wird, dann kennen Sie schon die Keimzelle, die Methode und sozusagen den Starttresen der alle Milieugrenzen sprengenden Vereinigung der Unterdrückten, oder können das in Ihrer Zelle jedenfalls der neuen Prawda entnehmen. Im günstigen Fall aber werden Sie auf der Veranda eines ehemaligen Großindustriellen die Füße auf den Mahagonitisch legen, die Heckler und Koch wegstecken, einen exzellenten Veuve Clicquot entkorken und glücklich in die Abendstimmung flüstern: Sackra, und des alles wegen dem Kommandante Doc Vogl damals in der Boazn. Respekt.
Jede richtige Revolution braucht die, die das Wort Guillotine korrekt schreiben
können und jene, die beispielsweise einen übergewichtigen Altkanzler
an den Ort seiner Bestimmung zu tragen vermögen. Anders gesagt: Die Revolution
hat einen Kopf, der das rote Buch schreiben und Arme, die es zerreissen können.
Auf meiner Suche nach geeigneten revolutionären Subjekten stieß ich
zunächst auf die Üblichen, also auf den polnischen Poppapst Werner
Schlosser, der das rote Buch eventuell malen könnte, die Gräfin “Genossin”
von Wächter, die seit Jahren vergeblich an einem vergoldeten Miniatur-Schaffot
bosselt, und auf den Professor Schwarke, der die üblichen ethischen Bedenken
äußerte, - ein Schlag ins Wasser.
I
Ich ließ mich nicht entmutigen und betrat beherzt das Trinklokal der Aktienbrauerei
Kaufbeuren, in dem ich deutlich geeigneteren Revolutionskombattanten begegnen
sollte. Hier, in der sogenannten Wurstkuchel, gründete ich binnen weniger
Biere den zum Äußersten entschlossenen bayerischen Revolutionsrat
der Herren Branco Maria Allramseder (links) und Spartakus Huber (rechts), kampfbereit
geschart um den sinistren Kommandante Doktor Vogl.

II
Die erste revolutionäre und milieugrenzenüberschreitende Tat ist der
gemeinsame Tanz. Ein ernstes Unterfangen, stets von einer klaren Botschaft getragen,
die in den zumeist etwas kapitalistisch entstellten Texten der Kampflieder dennoch
mühelos wiederzuerkennen ist. In der Wurstkuchel hörte ich die empörte
Stimme des Volkes rufen: Your disco needs you. Money must be funny in the rich
mans world. Resi, i hol die mit meim Traktor ab. Das bedeutet im richtigen Bewusstsein
vernommen: Doc Vogl braucht Dich, um den Reichen das Geld wegzunehmen und sie
dann mit dem Traktor dahin zu fahren, wo der Pfeffer wächst, also nach
Dänemark.

III
Mögen die Expropriateure sich in Dänemark langweilen. Für uns,
die revolutionäre Masse, ist ein schönerer, nicht weniger klarer Weg
bestimmt: der nach oben. Die raumgreifende Geste des Kommandante unterstreicht
das sinnfällig, eine etwas reklamehafte Konzession an die Genossen mit,
nun ja, eher bildhafter Auffassungsgabe, aber Agitation muss sein. Revolutionsführer
müssen seit Che Guevara darauf achten, Motive ins kollektive Bewusstsein
zu hieven, die sich auch noch nach ihrem Ableben auf T-Shirts, Kappen und Teeniepostern
verwenden lassen.

IV
Kein Revolutionär kommt ohne die aufmunternde Unterstützung der Frauenwelt
aus. In meinem Fall traten als erstes die Damen Rosa und Jeanette Hödlmoser
an meine Seite.

V
Die nächste revolutionäre Tat besteht darin, Vertrauen zwischen den
Unterdrückten herzustellen. Drogen, die nachweislich die Verbrüderung
und gleichermaßen die Kampfesentschlossenheit fördern können,
sind Pflicht. Biere, Asbach-Cola oder auch einmal ein scherzhaft “Feigling”
gerufenes Kleingetränk wirken hier wahre Wunder und fördern die Freude
an der Umwälzung der Verhältnisse.

VI
Solange das Geld die Welt regiert, regieren wir sie nicht. Deshalb: Die lächerliche
Macht des Geldes wird am einfachsten dadurch gebrochen, dass man es mit den
wahren Werten des Lebens konfrontiert, vor deren praller Kraft es verblasst
und schal wird, wie Papier vor einer tätowierten Brust.

VII
Gewinnt der Umsturz dann unaufhaltsam an Fahrt, kann es durchaus passieren,
dass selbst revolutionsferne Subjekte, wie der polnische Poppapst Schlosser,
sich solidarisieren und mit rotem Schal und roten Kontaktlinsen dem Revolutionsrat
beitreten oder beitanzen, wie auch immer.

VIII
Das freut den Kommandante Doc Vogl natürlich sehr, der durch selbstlose
Arbeit am Musikinstrument die Stimmung weiter anzustacheln versucht. Das Foto
scheint zu beweisen, dass er kein Instrument in der Hand hält. Es sind
genau solche evidenten Kleinigkeiten, über die ein Berufsrevolutionär
wie ich gelassen hinwegsieht in eine bessere Zukunft.

IX
Und nach der Revolution? Was kommt dann? Tja. Ich vermute, der Kommandante wird
nochmal winken, ein paar werden applaudieren...

X
... vielleicht auch weise lächeln...

XI
...und, ruhig vom Rand des Geschehens aus, den Befreiten zusehen, wie sie auf
den Gräbern der High Society tanzen.


So weit für heute.
Nutzen Sie die Links zur Identifizierung weiterer Gefahren.
Bitte bleiben Sie vorsichtig.
Ihr Doktor Vogl